Wir sprechen über Upcycling mit Bridge&Tunnel

Beim Upcycling denken viele vermutlich zuerst an Bastelarbeiten, bei denen mehrere kleine Stoffreste zusammengesetzt werden und am Ende ein kreatives, buntes Design zusammenkommt. Dass Upcycling aber so viel mehr als das sein kann zeigt Bridge&Tunnel. Wir sprechen mit Gründerin Constanze Klotz über Upcycling unter ethischen Arbeitsbedingungen, minderwertige Mode und die Vielfältigkeit der Wege, die Lebensdauer von Kleidung zu verlängern.

Upcycling: Fertigung von Unikaten bei Bridge&Tunnel

Upcycling ist wohl der kreativste Weg, unsere klassisch lineare"Take-Make-Waste"-Gesellschaft herauszufordern. Es ermöglicht uns, unsere Individualität auszudrücken, indem wir einzigartige Stücke tragen und verbreitet die Idee von Qualität über Quantität. Manchmal hat man vielleicht das Gefühl, man müsse sich zwischen Besonderheit und Nachhaltigkeit entscheiden, denkt man an minimalistische Capsule Wardrobes und hochqualitative Klassiker in gedeckten Tönen. Hier kommt Upcycling ins Spiel: Mit kreativen Visionen und sorgfältiger Handwerkskunst hauchen Upcycler:innen ausrangierten Textilien neues Leben und überraschende, neue Schichten von Bedeutung ein. Indem sie auf die Beschaffung von Rohstoffen verzichten und ungewöhnliche Elemente kombinieren, erzählen ihre Kleidungsstücke nostalgische Geschichten aus der Vergangenheit, werfen Fragen der Gegenwart auf und blicken in eine bewusstere Zukunft.

Oftmals wird Upcycling als Bastelarbeit, Hobby oder Kunst angesehen. Dass es aber durchaus auch eine skalierbare Methode sein kann, eine große Menge an Altkleidern vor der Zerstörung zu bewahren, zeigt das Hamburger Label Bridge&Tunnel. Wir wollen mehr wissen und sprechen mit Gründerin Constanze Klotz.

 

Fragen zu Upcycling an Constanze Klotz von Bridge&Tunnel

Upcycling bei Bridge&Tunnel: Gründerinnen Constanze Klotz und Charlotte Erhorn zeigen wie's geht!

 

Was bedeutet Upcycling für dich und was fasziniert dich daran am meisten?

Upcycling ist ein fantastisch nachhaltiger Ansatz, den Lebenszyklus von Kleidung zu verlängern. Upcycling bedeutet ja erst einmal, aus etwas Altem etwas Neues, aber Höherwertiges zu machen, das unterscheidet Upcycling vom Downcycling.

Mit Bridge&Tunnel versuchen wir Upcycling von seinem Bastelimage zu befreien und zu zeigen, dass Upcycling durchaus als textiles Produktionsverfahren geeignet ist – wenn man denn will. Seit 2016 demonstrieren wir mit unserem eigenen Label, aber auch mit unserem Upcyclingangebot für viele Partnerunternehmen, dass sich aus Textilresten oder Produktionsüberhängen ansprechende Designs entwickeln lassen, die dazu beitragen, dass das Textil länger im Kreislauf bleibt. Und wir haben schon alles verarbeitet: von Alltagsmasken über Neoprenanzüge und Kinder-Outdoor-Klamotten bis hin zu Handtüchern oder Werbeplanen.

Am meisten begeistert uns die Verbindung von Ästhetik und Ethik. Auf der einen Seite entstehen einzigartige Designs, auf der anderen Seite leisten wir einen positiven Beitrag zur Reduzierung von Abfall und Ressourcenverbrauch. Wir sind stolz darauf, Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen und gleichzeitig einzigartige Designs für andere Unternehmen zu schaffen.

Team 8_Credits Bridge&Tunnel Upcycling

 

Erzähl mir mehr über Bridge&Tunnel! Was ist die Mission dahinter und was hat euch zur Gründung motiviert?

Die Idee zu Bridge&Tunnel entstand 2015. Zu diesem Zeitpunkt haben meine Co-Founderin Lotte und ich einen Textilen-Coworking-Space in Hamburg Wilhelmsburg geführt. Dort hat sich immer mittwochs vormittags ein deutsch-türkischer Nähclub zum Nähen getroffen. Wir standen jedes Mal fassungslos daneben, wie fantastisch die Frauen nähen konnten. Gleichzeitig war uns klar, dass sie nur zu diesem Zeitpunkt zum Nähclub kommen konnten, weil sie keiner geregelten Arbeit nachgingen. Das hat uns gleichzeitig betroffen und nachdenklich gemacht. Sehr viele talentierte Menschen rutschen durch das deutsche Arbeitssystem, weil sie keine verbrieften Qualifikationen vorweisen können.

Daraus entstand die Idee, eine Manufaktur zu gründen, das diese beiden Aspekte vereint: Einerseits möchten wir gesellschaftlich benachteiligte Menschen in ihren Talenten professionalisieren und gleichzeitig auf das Thema mangelnde Wertschätzung von Textilarbeiter:innen, aber auch textilen Ressourcen aufmerksam machen.

Alle Textilien die bei uns landen, hatten schon mal ein Leben und erhalten bei uns mit neuen Designs eine zweite Chance. So verhelfen wir hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung und vermeintlichen Resttextilien zu einem neuen Leben in Style.

Upcycling im Team von Bridge&Tunnel

 

Was ist aktuell für euch die größte Herausforderung für euch bei Bridge&Tunnel?

Die Vielzahl an Krisen, die sich weltpolitisch gerade ereignen. Und damit einhergehend ein fragiles Interesse für Nachhaltigkeit. Wir beobachten, dass Nachhaltigkeit immer mehr in den politischen Fokus rein-, gleichzeitig aber auch rausrückt, weil viele andere politische Themen – auch zu Recht – brennen. Gleichzeitig darf dieses wichtige Thema aber nicht untergehen, wenn wir in einer lebenswerten zukunftsfähigen Welt leben möchten.

 

Wie schätzt du die immer schlechter werdende Qualität von Fast Fashion für die Wiederverwendung von Textilien ein? Denkst du, Textilien werden sich immer weniger für Upcycling eignen?

Das ist tatsächlich ein sehr ernst zu nehmendes Thema. Insbesondere wenn wir uns vergegenwärtigen, welche krassen Absätze Ultra Fast Fashion Giganten wie Shein aktuell einfahren. Eine irrsinnige Anzahl an Kleidungsstücken wird täglich (!) superbillig und minderwertig hergestellt, was dazu führt, dass sie schnell verschleißen und entsorgt werden müssen, was wiederum zu einer enormen Menge an Abfall und Umweltverschmutzung führt.

Unmenschliche Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne gibt es natürlich direkt inklusive. Genauso wie die Tatsache, dass Verbraucher:innen durch die schlechte Qualität viel häufiger neue Kleidungsstücke kaufen müssen. Durch die vielen Fasergemische und die schlechte Qualität eigenen sich diese Produkte weder zur langlebigen Nutzung, noch zum Upcycling oder gar Recycling. Es ist einfach nur Müll. Hier braucht es unbedingt politische Regularien, die Unternehmen für ihren Textilmüll in die Verantwortung nehmen oder direkt von vornherein nicht-recycelbare Produkte verbieten.